Laudatio zur Eröffnung der Vernissage
von Werner Winkler, Albstadt, in der AOK
Konstanz, "Farben und Formen im Radius
der Zeit" am 19. April 2005, gehalten
von Werner Winkler, Fellbach. Zuerst möchte ich mich beim ausstellenden Künstler für die Gelegenheit bedanken, etwas für mich Neues tun zu dürfen: Die Rede zu einer Ausstellungseröffnung zu halten! Mein Name ist - ebenfalls - Werner Winkler; passend zur "Generation Google" brachte uns diese Suchmaschine vor ungefähr zwei Jahren zusammen. Ungezählte, zum Teil sehr kurze, Mails gingen hin und her. Er las meine Bücher, ich bestaunte seine Gemälde. Er bestaunte meine Kalligrafien, ich las die wenigen Texte zu seinen Werken. Wir entdeckten, dass wir uns neben der Leidenschaft für die Farbe und die Kunst in einem weiteren Feld gemeinsam, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise, um Erkenntnisse bemühten: Die innere Landschaft der menschlichen Seele. Während ich mich mittels der "Psychographie" um eindeutige Begrifflichkeiten bemühte, die Unterschiede zwischen Menschen fassbarer machen sollten, suchte mein Namensvetter in sich selbst nach Bilder für das, was das Menschsein und die Individualität seines eigenen Empfindens ausmacht. Wie ein nicht mehr ganz junger Baum, der sich seiner Wurzeln bewusst wird und sein Bewusstsein tief hinabsenkt ins Erdreich - seine Blätter und Blüten, die Kraft seines Stamms vergessend - sich entgegen dem stetig emporsteigenden Strom nährstoffgesättigten Wassers hinabbewegend, sich bis in die feinsten Verästelungen vorwagend. Sich der Gefahr aussetzend, dort in Anbetracht der eigenen Größe nicht mehr wenden zu können und auf immer in dunkler Erde, gleichsam lebendig begraben, gefangen zu sein - so ist der Künstler WERWIN seinem eigenen inneren Kern nahegekommen, hat Augen geöffnet, von denen St-Exupéry sagte, dass man mit ihnen das Wesentliche zu sehen imstande sei, die Augen des Herzens, und er hat das dort Geschaute nicht in missverständliche Worte verpackt, sondern seine Wahrnehmungen der Farbe und den sie fassenden Formen anvertraut. Zitat WERWIN: "Wohl kaum aus einem fristenden Schattendasein heraus entstehen meine Werke. Tief durchtränkt: Darunter verstehe ich als Künstler, dass es mir möglich ist, mich aus der sinnlichen und gegenständlichen Welt auszuschließen, um aus dem Unbewussten, aus der transzendenten Welt, Eindrücke an die Oberfläche zu schaffen. Diesen Vorgang würde ich so beschreiben: Es ist im Grunde eine Tiefenmeditation, über die ich mich in die eigene Mitte sickern lasse, bevor ich mit einem Werk beginne." Und im Hinblick auf seine Arbeit mit Skulpturen schreibt er: "Eigentlich ist es nur die Lust und die damit verbundene Freude, sich in einem experimentalen Feld aufzuhalten, in dem verschiedene Materialien zusammengeführt werden." Seit nunmehr zehn Jahren, so lässt sich in der Künstlerbiografie nachlesen, lauscht Werner Winkler den Tönen seines Inneren und versucht sich als deren Übersetzer in mit den Augen wahrnehmbare Bildersprache. Vincent van Gogh, ein wie mir scheint, Verwandter im Geiste zu Werner Winkler, schrieb einmal: "Mancher hat ein großes Feuer in seiner Seele, und nie kommt jemand, sich daran zu wärmen, und die Vorübergehenden gewahren nur ein klein wenig Rauch oben über dem Schornstein* und gehen weiter ihres Weges." Als ich vor einigen Jahren für zwei Wochen meinen Sommerurlaub in einer kleinen Hütte in Norwegen verbrachte, hörte ich nach vielleicht zehn Tagen plötzlich unbekannte Geräusche. Sie schienen aus einer oberen Ecke des Holzhauses zu kommen, also stieg ich auf einen Stuhl, um dort besser hinhören zu können. Hatte nicht der alte Bauer bedauert, dass weder Gas- noch Wasserleitungen im Haus verlegt wären? Doch es klang, als würde ein pulsierender Strom Wassers durchs ganze Haus führen. Noch auf dem Stuhl stehend, wurde mir mit einem Mal klar, was ich hier hörte und ich musste mich festhalten, um nicht vor Lachen herunterzufallen: Durch die absolute Stille des norwegischen Waldes zur Ruhe gekommen, hörte ich nichts anderes als mein eigenes Blut, das mich selbst durchfloss und mein eigenes Herz, das diesen Strom antrieb. Wenn wir nun dem Herzschlag des Künstlers Werner Winkler mit unseren Augen zuhören, lassen Sie uns gleichzeitig auf unseren eigenen lauschen - und nachsehen, ob auch in uns noch ein Feuer der Seele brennt, das andere zu wärmen vermag. Ich danke Ihnen! * Kurioserweise wurde den Anwesenden kurz nach Beendigung der Laudatio die Nachricht überbracht, dass aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle in Rom weißer Rauch aufgestiegen sei und der neue Papst Benedikt XVI. der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger. Über Werwin |